Nobody Ever Gets Credit for Fixing Problems that Never Happened, System Dynamics und CORFU

Heute Morgen hab ich einen sehr guten Artikel über System Dynamics und Prozessverbesserung zu Ende gelesen:

Repenning, Sternman (2001)
Nobody Ever Gets Credit for Fixing Problems that Never Happened:
Creating and Sustaining Process Improvement

http://web.mit.edu/nelsonr/www/Repenning=Sterman_CMR_su01_.pdf

Überraschend war am Ende folgende Aussage:

Members of the team had known about the problems and how to solve it for 8 years. ... The only barrier was the mental model that there were no resources and time for improvement, that these problems were outside their control and that they could never make a difference.

Wow - genau da setzt Solution Focus (SF) an:
- die Lösung, die schon da ist, (statt des Problems) in den Fokus zu rücken
- die eigenen Kräfte zu mobilisieren, so dass man einen Unterschied machen kann
- das Ganze dauert 2-3 Sitzungen a 1 Stunde, im Abstand von ca. 2 Wochen

Was macht Systems Dynamics (SD) stattdessen:

- ein Team arbeitet monatelang an einem Modell, um die System Dynamic besser zu verstehen
- designed dann einem Learning Lab mit einer Simulation (Manufactoring Game), um die System Dynamik erfahrbar zu machen
- und schleußt 1000de da durch, um innerhalb von 2 Tagen etwas über die Anwendung System Dynamics in ihrem Arbeitsumfeld zu lernen.
- das ganze dauert ca. 3 Jahre und kostet mindestens eine halbe Million EUR
Ups, langsam bekomme ich Zweifel, ob SD wirklich effektiv ist - dass es kontra-intuitiv ist, sagen ja ihre Vertreter selber!

Doch wenn auch die Causal Loop Diagramme (CLDs) mit ihren vielen Feedback Schleifen nicht leicht zu verstehen sind, die Time Series Charts von korrelierenden Variablen, wie Capability (Fähigkeit), Effort (Aufwand) und Performace sind es, ebenso wie die aussagekräftigen Bezeichnungen für die Feedbackschleifen wie "Work harder", "Work smarter", "Reinvestment" und "Shortcuts" ("secret tool box" wie Larman sagt). Auch der Einfluß von Verzögerungen ist gut nachvollziehbar, was zu 2 Phänomenen führen kann, wie die Time Series Charts zeigen:

- es wird anfangs schlechter, bevor es besser wird (Trainings-Effekt)
- es wird anfangs besser, bevor es schlechter wird (Ausbeutungs-Effekt)

Die lösungsfokussierte Skalierung allein, hilf hier nicht weiter, aber Klaus Schencks CORFU Ansatz und das zugehörige Wishbone Tool:

- neben der Skalierung 0-10 gibt es da zusätzlich noch eine Zeitachse
- Wishbone erlaubt multiple Skalen zu korrelieren, sie zu koppeln, rsp. die Co-evolution von 2 Sub-Systemen mit einem gemeinsamen Ziel - meist die Erhaltung ihrer eigenen Identität und Existenz - zu betrachten.

Natürlich macht CORFU den einfachen SF Ansatz etwas komplexer, aber wie schon Einstein sagte, sollten wir unsere Theorien und Modelle zwar so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher - dem zu erklärenden Phänomen angemessen komplex eben. Einzelpersonen und ihre innere Struktur an die Oberfläche zu bringen, ist eben einfacher als die Interaktion zweier Systeme über die Zeit zu beschreiben. Auch dabei können wir an der Oberfläche bleiben, beobachtbare Zeitleisten und Skalen, die miteinander korrelieren und dabei die systemische Sprache des Klienten aufnehmen, die sich häufig in Begriffen äußert, die in SD für Feedbackschleifen und Verzögerung von Feedback stehen - daher vielleicht auch Klaus Vorliebe für Bilder und Metaphern. Ein Bild sagt oft mehr als tausend Worte, speziell, wenn es um nicht linear kausale Phänomene geht.

Daher sind die Zeitachsen, mehrer Skalen, Wishbone und Metaphern, für nicht linear kausale Zusammenhänge ein mächtiges Coaching Werkzeug - vermutlich mächtiger als CLDs und Computersimulationen - speziell, wenn die Erfahrung ja schon da ist, und nicht erst aufwendig in Learning Labs erworben werden muss.

Eine Metapher, die bei Klaus (wie bei Wittgenstein) häufig auftaucht, ist die der Karte - mentales Modell würden die SDler sagen - die Familienähnlichkeit ist auffällig oder? Da wir in SF nach Funktionierendem und Ausnahmen vom Problem suchen, entstehen während des Coaching Dialog Statt-Karten, die den Weg deuten Richtung gewünschter Lösung - eine wunderbare Metapher - danke dafür Klaus! Diese Statt-Karten besser sichtbar und navigierbar - vom Ganzen zum Detail und wieder zurück - zu machen, ist einer der (Hauptanliegen?) von CORFU und dem dazugehörigen Wishbone Tool. Jedenfalls ist dies man Hauptanliegen als Agile Coach - denn ohne Transparenz und Offenheit, kein Inspect & Adapt:

- ask the team,
- make it visible,
- inspect & adapt

Im übrigen habe ich Nichts gegen Spiele - wer schon mal einige aus dem System Dynamics Playbook ausprobiert hat, weiß, dass es auch mit weniger Aufwand geht, Erfahrungen mit Systemen spielerisch zu sammeln - die wir ja eigentlich alle schon haben, aber wegen ihrer Komplexität und Kontra-Intuitivität oft nicht be-greifen können. Hier helfen einfache Spiele ebenso wie die o.g. Bilder und Metaphern.

So habe ich z.B. beim Ballpoint Game neben Forecast und Velocity auch die Fehlerrate auf einem Flip Chart sichtbar gemacht, anhand dessen den Trainigs-Effekt, aber auch die Grenzen der Velocity mit dem Team diskutiert, den Einfluss von Druck von außen (Manager setzen ehrgeizige Ziele oder spornen das Team an), Effekt von konkurrierenden Teams (speziell wenn diese sehr unterschiedlich performen) Lernen, durch kopieren und integrieren der Lösung eines konkurrierenden Teams etc... Für all diese zu lernen, braucht es ca. eine halbe Stunde Simulation und 15-20 Minuten Debriefing! (Danke Boris, dass Du Moon Ball und Warped Juggle zu einem Scrum-Trainings-Spiel weiterentwickelt hast. Im übrigen gibt es da noch unzählige Varianten, z.B. unterschiedliche Bälle, einfachere Regeln, kürzere Timeboxen, Austausch von Spielern, Verhalten bei Defects, Cost of Defects messen ...) Warum ist das beim klassischen SD Ansatz so, dass es Monate dauert, bis ein Modell zum Experimentieren zur Verfügung steht? Ist das wirklich Zielführend?

Ich weiß es nicht - dafür weiß ich noch zu wenig über Systems Dynamics. Ich weiß nur, dass ich diesen Ansatz nicht im Coaching verwenden würde, ohne dass er effektiv und effizient ist, sondern lieber SF, speziell CORFU für Lösung komplexerer Probleme, grafische Darstellungen, wie Time Series Grafen und entsprechende Skalen (Histogramme) dazu und baum- oder Netzartige Grafiken, wie Wishbone und Impact Maps größere Zusammenhänge zu sehen und zwischen Detail und Ganzen hin und her navigieren zu können. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch einige Innovation Games oder Retrospektiven Tools wie Timeline, Remember the Future und Speed Boat, die zusätzlich die Kreativität der Teams fördern und die Menge an Perspektiven und Ideen, auf denen man dann eine Lösung aufbauen kann.

Sei noch erwähnt, dass das Konzept des purposeful systems (Russell Ackhoff) und des future perfects sicherlich in CORFU enger zusammenrücken, als im einfach, klassischen SF Ansatz - aber dazu muss ich mich erst einmal mehr damit beschäftigen.

Das Ziel bei CORFU ist jedenfalls sicherlich SF komplexer als nötig zu machen und diese Tools nur dann zu nutzen, wenn sie auch effektiv für das Coaching - speziell Team Coaching - sind. Denn das Team Coaching zeichnet sich IMHO durch eine höhere Dynamik und Komplexität gegenüber dem Einzel Coaching auf - dies ist eine Hypothese, deren Beweis noch aussteht - aber zumindest spricht in der Praxis einiges dafür. Ich fände es auch spannend, dass erstmal ein kleineren, dyadischen Systemen zu erproben. Es muss doch einen Grund haben, warum Paar und Kleingruppenarbeit oft besser funktionieren als Arbeit im Gesamtteam, oder warum Kollegiale Beratung erst einmal einfacher und effektiver erscheint, als die Probleme aller gleichzeitig zu lösen.

Ok, nächste Thema, wird dann kollegiale Beratung oder purposeful systems sein - oder beides, oder keines davon - wer weiß das schon ;-)